Rechtsanwältin Evangelia Karipoglou
Viktimologie

Viktimologie ist der lateinische Ausdruck für die Opferforschung. Person und Verhalten der Opfer, die Beziehung zum Täter und die Folgen der Straftat werden systematisch untersucht. Wichtig ist diese Forschung besonders unter kriminologischen Gesichtpunkten, je mehr man vom Opfer weiß, desto mehr Rückschlüsse können sich auf den Täter ziehen lassen; je besser besondere Gefahren erkannt werden, desto besser kann die Prävention ausgerichtet werden, wobei hier Vorsicht geboten ist. 

Viktimisierung:

Eine Unterdisziplin der Viktimologie stellt die Viktimisierungsforschung dar, also die Forschung nach Faktoren der Opferwerdung. Ein Faktor, der eine erhöhte Disposition darstellt, Opfer einer Straftat werden zu können, kann z.B. der Beruf oder Ort sein. Ein Taxifahrer ist einer höheren Gefahr ausgesetzt, Opfer einer Straftat zu werden als eine Nonne. Eine Nonne in Berlin ist wiederum gefährdeter, als der Dorftaxifahrer auf der Alb. Die Viktimisierungsforschung arbeitet selbstverständlich differenzierter als dieses oberflächliche Beispiel.

Besonderen Einfluss und Eingang in die moderne Opferschutzgesetzgebung hat das "Karriere-Modell" der Viktimisierung gewonnen:

  1. Unter primärer Viktimisierung versteht man danach die Schädigung und einhergehende Opferwerdung  unmittelbar aus der angetanen Straftat.
  2. Durch den nachfolgenden Umgang mit dem Opfer aufgrund der Straftat bei Ärzten, Polizei, Anwälten, Richtern wird das Erlebnis der angetanen Straftat erneut reproduziert, weiter intensiviert und verinnerlicht (sekundäre Viktimisierung)...
  3. ...bis das Opfer sein "Opfersein" derart verinnerlicht hat, dass es überzeugt ist, generell im Leben nicht mehr Herr seiner Lage sein zu können, was es auch sagen und tun möge (tertiäre Viktimisierung). Dies führt zu einer erheblichen Passivität im Leben, inbesondere auch bei drohenden Gefahren. In diesem Zusammenhang wird auch der Begriff der "Erlernten Hilflosigkeit" gebraucht.

zur Einführung in die Begrifflichkeiten der Viktimologie (engl.)⇒ Powerpoint-Präsentation "An overview to victimology" von John P. J. Dussich, Ph. D., California State University, Fresno, USA


Interessante Statistiken:


  • Im Jahr 2007 wurden in Deutschland 6.284.661 Straftaten registriert (über 1/3 hiervon Diebstahl); 226.344 Menschen wurden Opfer vollendeter Gewaltkriminalität (757 von Mord/Totschlag)
  • Mit Ausnahme von Sexualdelikten (Frauen 91,2 %, Männer 8,8 %)...
  • ...werden erheblich mehr Jungen und Männer Opfer von Straftaten als Frauen, insbesondere im Bereich der Gewaltkriminalität (73 % männliche Opfer) ...
  • ....87 % der Tatverdächtigen im Bereich der Gewaltkriminalität sind männlich.
     
     

»alle genannten Zahlen sind der  Polizeiliche Kriminalstatistik 2007 entnommen oder abgeleitet. (siehe auch Ergebnisse der Studie Gewalt gegen Männer beim Familienministerium zum Download in Kurz- oder Langfassung, Stand 2005 und Veröffentlichung der Bundeszentrale für politische Bildung, 2004)

In jedem Fall müssen Opferschutzinitiativen in viel größerem Maße auf die Bedürfnisse geschädigter Männer ausgerichtet werden. Der Mann als Opfer -insbesondere von Gewalt- scheint immer noch ein Tabu zu sein. Die psychologischen Auswirkungen der Viktimisierung sind jedoch bei Männern im selben Maße erheblich, aufgrund des Komplexes "starkes Geschlecht" oft äußerst tiefgreifend.

 


Grenzen der Prävention:
Eine Straftat kann zwar im Nachhinein systematisch nachvollzogen und erklärt werden; wenn sie denn der Täter nicht explizit ankündigt, wird sie jedoch auch mit der besten Forschung niemals in keinem einzigen Fall vorausgesehen werden können. Freiheitseinschneidende Gesetzgebungstendenzen aus Gründen der Opferforschung sind daher äußerst kritisch zu betrachten. Der Trend zur Prävention durch Repression ist ohnehin traurig und gefährlich.

Ioannidou Karipoglou Bogner Rechtsanwälte in Bürogemeinschaft