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Keine Anwaltspflicht

Die Einschaltung eines Anwalts ist für das Opfer grundsätzlich keine Pflicht. Alle rechtlichen und tatsächlichen Schutzmaßnahmen kann es auch selbst initiieren. (Ein Anwaltszwang besteht nur für den Fall, dass es beim Zivilgericht einen Schaden von über 5.000,- Euro einklagen will, hierfür gilt dann die grundsätzliche Streitwertgrenze für Landgerichtsverfahren, die eine anwaltliche Vertretung notwendig macht.) Ich rate selbstverständlich schon aufgrund der genauen Kenntnis des juristischen Prozedere, einen anwaltlichen Beistand frühzeitig einzuschalten, aber noch wichtiger, weil dies für das Opfer eine notwendige enorme tatsächliche Entlastung bedeutet. Ob es dem Opfer überhaupt zuzumuten ist, für die Eintreibung seines Schadens oder für seinen Schutz nach einer Straftat selbst zu sorgen oder nicht vielmehr der Staat jedem Opfer einen Anwalt auf Staatskosten zur Seite stellt, ist eine vieldiskutierte Angelegenheit und Gegenstand der Opferschutz-Gesetzgebungsinitiativen der letzten Jahre.
Steht im Strafverfahren eine erhebliche Opferverletzung im Raum, sieht der Staat bereits jetzt einen Rechtsanspruch des Opfers auf einen
anwaltlichen Beistand auf Staatskosten vor.
 

Die Aufgabe des Opferanwalts

Es ist die Aufgabe des Opferanwalts, die Rechte des Opfers durchzusetzen. Das Spektrum ist groß, es handelt sich in der Regel sowohl um zivilrechtliche, als auch strafprozessuale Ansprüche.

Vieldiskutiert ist in diesem Bereich die praktische Anwendung des Adhäsionsverfahrens, also die Geltendmachung von zivilrechtlichen Ansprüchen im Strafverfahren. Hier liegt die Hauptrolle eindeutig beim Opferanwalt. Es ist nämlich seine Aufgabe, darzulegen, dass die Tatsachen feststehen und der Strafprozess durch die Geltendmachung des Schadensersatzes nicht erheblich verzögert wird. Es ist auch seine Aufgabe, zu entscheiden, ob sich das Adhäsionsverfahren für die im Raum stehenden Ansprüche überhaupt eignet.  Bei Gesundheitsschäden z.B. fallen durch das OEG die zivilrechtlichen Schadensersatzansprüche prozessual auseinander.

Es sollte keinem Opfer zugemutet werde, wegen seiner Schäden, zum Einen die Beweisermittlungen des Antragsverfahrens des Versorgungsamts zu durchlaufen, zum Anderen den Strafprozess gegen den Täter, dort noch den Anhangsprozess bezüglich zivilrechtlicher nicht-gesundheitlicher Schäden und schlussendlich das Zivilverfahren wegen der Folgen des Gesundheitsschadens, weil der OEG-Antrag abgelehnt wurde. Und Gründe, den OEG-Antrag abzulehnen, gibt es viele. Und Widerspruchsverfahren, Prozessverzögerungen, die Auseinandersetzung mit Versicherungen, zweite Instanzen zähle ich hier nicht mit ein.

Diese gesamte prozessuale Vielfalt ist nicht der Sonderfall. Wenn ein Opfer seine Schäden ersetzt bekommen will, ist das der Regelfall. Aus viktimologischen Gesichtspunkten eine Katastrophe, aus nicht verhandelbaren Gründen der Rechtsstaatlichkeit zu großen Teilen unerlässlich.
Als Anwalt des Opfers müssen Sie die dargestellte prozessuale Vielfalt im Kopf haben und in jedem Fall strategische Entscheidungen treffen. Sie müssen das Opfer von diesen Prozessen abschirmen. Im Idealfall hat das Opfer, das Sie vertreten, zweimal ausgesagt, den Rest erledigen Sie.

Bei alldem darf nie vergessen werden, dass die Pflicht zur bestmöglichen Vertretung der Interessen des Mandanten nicht dazu ermächtigt, die Fairness des Verfahrens gegen den Beschuldigten aus den Augen zu verlieren: ein Interesse des Mandanten an einer ungerechten Verurteilung existiert nicht. Es ist daher auch Aufgabe des Opferanwalts emotionalisierte Strafbedürfnisse und Vergeltungsbestrebungen des Mandanten, die den vorurteilsfreien Strafprozess vernebeln können, frühzeitig zu entkräften.
Der Beschuldigte bleibt der Mittelpunkt des Verfahrens, über sein weiteres Leben soll entschieden werden. Seine Hauptaufgabe hat der Opferanwalt daher mit allen Beteiligten eines Strafverfahrens -Richter, Staatsanwalt und zumindest in der Theorie auch dem Verteidiger- im Ergebnis gemein: Er muss für ein gerechtes Urteil sorgen.